Dominantes Redeverhalten

Der folgende Text ist Teil des Redelisten-Zines, das findet Ihr im Ganzen hier.

Es gibt viele verschiedene Arten, in der Kommunikation mit anderen Menschen dominant aufzutreten. Auf dem Blog des Antisexismusbündnis Berlin(1) unterscheiden die Autor_innen zwischen „Lauten Praktiken“ und „Leisen Praktiken“ und beziehen sich in erster Linie auf Geschlechterverhältnisse. Der Beitrag ist aber auch auf andere gesellschaftliche Strukturen anwendbar und ein toller Anstoß zur (Selbst-)Reflektion.

Zu den „Lauten Praktiken“ zählen lange, selbstgefällige Monologe, das (ständige) Unterbrechen des Gegenübers, lautes und/oder aggressives Verhalten, Beleidigungen, diskriminierende Sprache oder Zwischenkommentare (das kann auch störendes Lachen oder Lustigmachen sein). Wenig überraschend: das ist keine schöne Art des Kommunizierens.

Solch ein Kommunikationsverhalten möchten wir gerne auf dem GenderCamp vermeiden, damit alle die Möglichkeit haben, entspannt und ohne Angst vor Lächerlichmachung miteinander kommunizieren zu können.

Bei den „Leisen Praktiken“ ist es etwas verzwickter, weil diese manchmal schwer zu identifizieren sind und es somit schwieriger wird, solche Praktiken zu kritisieren. Zu den „Leisen Praktiken“ zählen Kommunikationsmuster, die Mitmenschen zwar nicht direkt verbal angreifen, aber trotzdem die eigene (privilegierte) Stellung in einer Diskussion absichern. Das kann z.B. die (teilweise unbewusste) Raumeinnahme von Männern* sein, die andere (insbesondere Frauen* oder Trans*) belehren, deren Kritik ignorieren und Beiträge von ihnen für weniger wichtig halten.

Die meisten von uns kämpfen häufig mit solchen Kommunikationsmustern, weil diese nicht von heute auf morgen verschwinden. Und da Kommunikation auch etwas mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat, ist eine Möglichkeit, gegen solche Strukturen anzukämpfen, das eigene Redeverhalten kritischer unter die Lupe zu nehmen. Wie soll das gehen? Vielleicht besprechen wir das hier auf dem GenderCamp!

(1) Quelle: a.g.genderkiller: Wie diskutieren? – Herrschaftsverhältnisse auf Diskussionsveranstaltungen

 

Ergebnisse aus den Sessions zu Dominantem Redeverhalten auf dem GenderCamp 2012:

Ergebnisse der Gruppe 1

Ergebnisse der Gruppe 2

Kritik und Erfahrungen

Unsere Session(s) zu dominantem Redeverhalten auf dem GenderCamp wurden von einer Person vorbereitet. Vor Ort haben wir dann recht spontan entschieden, zwei kleinere parallele Gruppen zu machen und das gleiche Konzept in beiden Gruppen zu nutzen. Diejenigen von uns, die diese zweite Session moderiert haben, haben festgestellt, dass eine intensive(re) Vorbereitung oder mehr Erfahrungen im Umgang mit verschiedenen Dominanzen gut gewesen wäre:

Teamer_innen / Moderator_innen sollten gut darauf vorbereitet sein, dass in der Session selbst dominant kommuniziert wird. Dadurch können einzelne Personen die Session sprengen.

Teilnehmer_innen könnten die Session und ihren Inhalt entpolitisieren, indem sie Machtverhältnisse ausblenden, Situationen schildern, die nichts mit dem Thema zu tun haben oder die Eingaben anderer (häufig Marginalisierter) „nicht nachvollziehen können“.

Teilnehmer_innen können ihr eigenes dominantes Redeverhalten als sinnvoll erleben, um sich in Gruppen durchzusetzen. Hier ist es für die Moderator_innen / Teamer_innen wichtig zu sehen, ob die Teilnehmer_innen bereit sind, ihr Verhalten zu reflektieren, sich zu hinterfragen und vielschichtige Verwendungen von Kommunikation zuzulassen.

Die Teamer_innen / Moderator_innen sind also gefragt, dominantes Redeverhalten in verschiedenen Formen schnell erkennen und angemessen reagieren zu können. Es ist sicherlich sinnvoll, vorab zu klären, wie bei nicht so schnell zu lösenden Konflikten und nicht aufhörendem dominanten Redeverhalten innerhalb der Session gehandelt werden soll.

Auf dem GenderCamp ergab sich aus den Sessions zu dominantem Redeverhalten außerdem eine weitere Session zu Rede-Ängsten / Hemmungen in größeren Gruppen. Innerhalb der Sessions zu dominantem Redeverhalten wurden Tipps gegeben, wie die eigene Mitteilungsbedürftigkeit zugunsten anderer beschränkt werden könnte. Diese Tipps wurden nachfolgend kritisiert: Gerade Personen, die sowieso nicht so viel sagen oder Hemmungen haben, sich in Gruppen zu äußern, nehmen sich Beschränkungen vielleicht schneller zu Herzen als dominante Redner_innen. Im Gegenzug könnten einige Strategien dominanten Redeverhaltens für Personen, die große Hemmungen haben, in Gruppen überhaupt zu Wort zu kommen, sehr stärkend wirken. Wenn Ihr also genug Kapazitäten dafür habt, könntet Ihr erwägen, so eine Session mit einzuplanen und Euch einen geeigneten, kleinen Rahmen dafür überlegen.