Kritik und Reflexion


Hier möchten wir die Kritik und das Feedback transparent machen, das wir als Awareness-Team bekommen haben. Wir haben Reaktionen sowohl zu den auf dem Blog vorgestellten Materialien als auch zu unserer Arbeit auf dem Camp bekommen. Rückmeldungen, die sich ganz konkret auf einzelne Materialien bezogen, haben wir auf den entsprechenden Seiten dokumentiert.

Mangelnde Barrierefreiheit

Das GenderCamp hatte insgesamt keinen Anspruch, eine barrierearme Veranstaltung zu sein. Auch wir als Awareness-Team haben keine besonderen Anstrengungen für mehr Barrierefreiheit unternommen. Das war uns bewusst und das wurde dann auch berechtigt kritisiert.
In Bezug auf die Materialien war der Hauptkritikpunkt, dass sie visuell ausgerichtet sind. Die Handzeichen während einer Diskussion, Namensschilder, Plakate oder unsere Zines und die Leseecke – das sind alles Materialien für (gut) sehende Menschen. Sie bedürfen einer Erweiterung/Umarbeitung, um inklusiver zu werden.
Dafür und für weitere Punkte, an denen Veranstaltungen barrieren-sensibler gestaltet werden können, empfehlen wir die Broschüre „Aus.Schluss – Barrierefrei veranstalten!“ vom ak mob.

Transparenz und Gruppendynamik

Wir wurden dafür kritisiert, dass wir als Kleingruppe auf der Veranstaltung sehr oft unter uns zusammen saßen. Das hatte seine Gründe, hatte aber im Kontext der Gesamtveranstaltung gleichzeitig Auswirkungen: Unsere Gespräche in geschlossener Runde waren für die Teilnehmer_innen intransparent und führten zu Spekulationen darüber, ob gerade irgendwas los bzw. passiert sei.
Hier standen sich widersprüchliche Anliegen gegenüber: Einerseits war für das GenderCamp eine transparente Gesprächs- und Plenumskultur gewünscht. Andererseits musste das Awareness-Team während des Camps teilweise vertrauliche Informationen besprechen und konkrete Vorgehensweisen zunächst innerhalb der vorbereiteten Gruppe besprechen.

Positive Rückmeldungen

Wir haben auch positive Rückmeldungen bekommen. Teilnehmer_innen, die im Vorjahr auf dem GenderCamp (ohne Awareness-Team) waren, haben uns gesagt, dass sie die von uns erarbeiteten Strukturen als deutliche Verbesserung empfunden haben. Im Vorfeld gab es im Vorbereitungsforum eine rege Beteiligung an der Diskussion über die Gestaltung der Namensschilder, was wir als großes Interesse am Thema gelesen haben.

Auch die Leseecke/“Schmökerecke“ wurde viel genutzt und gelobt. Teilnehmer_innen folgten unserer Anregung, selbst Materialien für diesen Raum mitzubringen und dort auszulegen.

Ein Thema, das nicht wir angestoßen hatten, das aber auf der Veranstaltung diskutiert wurde, war das Essen. Am Ende des Camps stand die Idee, auf dem nächsten GenderCamp standardmäßig veganes Essen anzubieten. Abweichende Wünsche sollten dann explizit geäußert werden, anstatt veganes Essen als Abweichung von einer Norm stehenzulassen.

Tipps aus der Nachbereitung

Aus unserer Arbeit und den gemachten Erfahrungen haben sich ein paar Punkte ergeben, die wir hier gerne als Tipps für andere Gruppen stehen lassen wollen. Die folgenden Punkte haben viel mit Transparenz und Gruppendynamik zu tun, das hat sich aus unserer spezifischen Arbeit ergeben. Wenn Ihr eine Veranstaltung oder ähnliches plant, bei der Ihr als Awareness-Team auftreten möchtet, macht Euch gerne Gedanken über folgende Punkte:

  • Klärt mit der Organisationsgruppe genau ab, was Ihr macht und welche Gründe Eure Arbeit hat. Holt Euch dazu den Bescheid der Orga-Gruppe, dass diese hinter Eurer Arbeit steht! Wenn die Orga-Gruppe während der Veranstaltung die Arbeit der Awareness-Gruppe in Frage stellt, könnt Ihr nicht mehr für die Teilnehmer_innen arbeiten. Wenn eine Orga-Gruppe Awareness-Arbeit nicht für sinnvoll hält, kann es besser für die Nerven sein, keine Awareness-Gruppe zu gründen.
  • Ebenfalls sollte mit der Orga-Gruppe im Vorfeld geklärt werden, wo die Aufgabenbereiche der verschiedenen Gruppen liegen. Auf der Veranstaltung selbst gibt es genug Stress und Sachen zu tun, Aufgabenverteilungen können vorab geklärt werden.
  • Erklärt Euch und Eure Aufgaben den Teilnehmer_innen, stellt Euch ausführlich vor. Macht transparent, wer zum Orga-Team und wer zum Awareness-Team gehört und erklärt, welche Personen bzw. welches Team für welche Fragen (nicht) ansprechbar sind / ist.
  • Sagt den Teilnehmer_innen, wie Ihr auf der Veranstaltung arbeiten werdet, damit möglichst wenig Unsicherheiten wegen Eurer Arbeitsweise entstehen.
  • Awareness-Arbeit ist eher Work in Progress, sie entwickelt und verändert sich also während und mit einer Veranstaltung. Awareness-Arbeit ist keine Garantie für eine gelungene Veranstaltung. Ihr bietet Strukturen an. Ob und wieviel von diesen auf einer Veranstaltung angenommen, reflektiert und umgesetzt werden, könnt Ihr nicht wissen.
  • Diskriminierung und/oder dominantes Handeln von Teilnehmer_innen wird sehr wahrscheinlich auch mit den besten Awareness-Vorbereitungen stattfinden. Geht also nicht davon aus, dass auf der Veranstaltung „nichts passieren wird“, sondern überlegt Euch, ob und wie Ihr damit umgehen könnt, wenn etwas passiert.
  • Seid Euch darüber im Klaren, dass ein präsentes Awareness-Team nicht oder nur sehr eingeschränkt an der eigentlichen Veranstaltung teilnehmen kann. Awareness-Team zu sein – das geht unserer Erfahrung nach nicht nebenbei, sondern hat uns sehr beansprucht. Es ist also sinnvoll, sich vorab zu fragen, ob beispielsweise der Energiehaushalt gerade mitmacht oder ob eine_r nicht doch lieber die Veranstaltung inhaltlich voll mitbekommen möchte.
  • Sprecht von Anfang an innerhalb des Awareness-Teams offen über Eure Grenzen. Was könnt Ihr leisten und was nicht? Aus diesen Eckpunkten wird sich die praktische Arbeit Eures Team bilden. Es ist immer eine gute Idee, Eure Arbeitsweise / die Grenzen, die Ihr gezogen habt, für die Veranstaltung und die Teilnehmer_innen offenzulegen, damit Leute wissen, worauf sie sich einlassen.